Von der Online-Shopperin zur Informatikerin

Als junge Frau in der von Männern dominierten IT-Branche: Drei EDV-Schülerinnen räumen mit hartnäckigen Vorurteilen auf

Mit freundlicher Genehmigung der pnp (Christoph Häusler)

thumb informatikerinPlattling. Lösungen finden, Vorstellungsvermögen beweisen, Kreativität ausleben und etwas erschaffen – das sind die vier Elemente, die Susanne Neumeier (22), Annika Reicheneder (18) und Eva Bergbauer (17) beruflich miteinander verbinden. Für ihre Arbeit benötigen sie Tastatur, Maus, Computer und Bildschirm. Das Fachwissen dazu vermitteln die Lehrkräfte an den EDV-Schulen in Plattling. Die drei Mädels müssen nur noch die Daten auf ihrer Festplatte namens Gehirn speichern, um sie dann in ihren beruflichen Tätigkeiten oder bei den Prüfungen abzurufen. Dass sie das ebenso gut oder sogar besser als ihre männlichen Mitschüler können, davon sind Schulleiter Prof. Dr. Martin Griebl und Lehrerin Heidi Schauer-Köckeis überzeugt.

„Die Vorurteile haben sich offensichtlich nicht geändert“, sagt Schauer-Köckeis. Sie war lange Zeit die einzige Frau im Lehrerzimmer der EDV-Schulen des Landkreises Deggendorf. Schon vor etlichen Jahren habe sie Sätze gehört, wie „dieser Beruf ist doch nichts für eine Frau“. Spürbar mehr Mädchen werden es aber nicht, die sich für eine Ausbildung im EDV-Bereich entscheiden. Warum Susanne Neumeier, Annika Reicheneder und Eva Bergbauer diese berufliche Laufbahn eingeschlagen haben, erzählen sie im PZ-Gespräch.

 

Die Mär vom eintönigen Programmieren

Susanne Neumeier aus Kirchberg im Wald bildet sich weiter zur Wirtschaftsinformatikerin. Während ihrer vorherigen Lehre zur Industriekauffrau spinnt sie den Gedanken, an ihre Ausbildung anzuknüpfen. Als sie mit Bekannten und Freunden über ihr Vorhaben spricht, erntet sie zunächst skeptische Kommentare. Nach dem Motto „Informatik ist Programmieren und Programmieren ist eintönig“ werde die Wissenschaft, die sich vorrangig mit Computern beschäftigt, abgestempelt, erzählt die 22-Jährige.
Die Eltern sichern hingegen Unterstützung zu. Der Tag der offenen Tür und Gespräche mit Lehrerin Scheuer-Köckeis sowie mit einer EDV-Schülerin bestärken Susanne Neumeier darin, den Schritt zu wagen. Inzwischen gefallen ihr die Programmierfächer besser als Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen. Ihre sehr guten schulischen Leistungen versprechen einen erfolgreichen Abschluss zur staatlich geprüften Wirtschaftsinformatikerin – zusätzlich hat die Waidlerin dann noch das Fachabitur in der Tasche.

Annika Reicheneder aus Dingolfing blickt lächelnd auf ihre Realschulzeit samt Hauswirtschaftszweig zurück. „Ich bin dankbar dafür, dass ich jetzt kochen kann“, sagt die 18-Jährige. Das Gefallen an Mathematik und der Arbeit am PC drängt sich bei ihr aber in den Vordergrund. Annika Reicheneder absolviert ein Praktikum, um mehr über den Beruf Informatikkauffrau zu erfahren. Sie fällt die Entscheidung zugunsten der EDV-Schulen – und das, obwohl die Dingolfingerin zu jenem Zeitpunkt noch gar keinen eigenen Computer besitzt. Die Frage aus ihrem Umfeld, ob Programmieren das Richtige für sie sei, lässt auch bei ihr Zweifel wachsen. „Heute begeistert mich das Programmieren“, sagt Annika Reicheneder und beschreibt sich selbst als Typ, der Herausforderungen annimmt, Probleme lösen möchte und sich Zeit dafür nimmt, um wirklich daran zu tüfteln. Findet sie eine Lösung, sei das einfach nur schön.

 

Des Vaters technisches Interesse

„Das war eher Zufall“, sagt Eva Bergbauer aus Teisnach über die Tatsache, dass sie nun die EDV-Schulen besucht. Weil sich ihr Vater bei einem Berufsinformationstag für den Stand der EDV-Schulen interessiert, kommt die heute 17-Jährige ins Gespräch mit Schulleiter Prof. Dr. Martin Griebl. Eva Bergbauer profitiert vom aufbauenden und spezialisierenden Ausbildungskonzept, das in Plattling verfolgt wird. In der zehnten Klasse erlernen alle die Grundlagen, erst danach schlagen die Schüler eine Fachrichtung ein, fokussieren sich auf Schwerpunkte.

„Auch der reine Fachinformatiker wird irgendwann mal BWL-Kenntnisse brauchen. Die erlernt er hier im ersten Jahr“, erklärt der Schulleiter. „Ein Informatiker greift eben meist betriebswirtschaftliche Prozesse auf“, ergänzt Lehrerin Schauer-Köckeis und die Schülerin, die einen bemerkenswert erwachsenen Eindruck hinterlässt, bemerkt: „Ich finde es gut, dass ich hier nochmals drei Jahre Schule drangehängt habe. In dieser Zeit habe ich Selbstbewusstsein gewonnen und viel über mich selbst gelernt – und natürlich über Informatik.“

Haben die drei ihre Prüfungen hinter sich, genießen sie ein besonderes Privileg in der heutigen Arbeitswelt: Die Frauen können wählen, für welches Unternehmen sie arbeiten möchten – so hoch ist die Nachfrage im IT-Bereich. Dazu kommt, dass Firmen gerne weibliche Kräfte ins Team holen möchten, wie Personalreferenten verschiedener Unternehmen jüngst der PZ bestätigt haben. Gemischtes Personal wirke sich positiv auf das Betriebsklima aus.

Bestes Beispiel dafür ist Susanne Neumeier, die nach ihrer erfolgreich abgeschlossenen Lehre nochmals den Schritt Schulbesuch gewagt hat. „Das sind zwei Jahre, in denen man nichts verdient“, gibt die 22-Jährige zu bedenken. Doch diese investierte Zeit zahlt sich wortwörtlich aus. Gehaltsverhandlungen mit selbstbewussten Forderungen seitens der beruflichen Neueinsteiger seien nicht ungewöhnlich. „Wir werden gesucht“, sagt die Waidlerin.
Ihren – wohlgemerkt – unbefristeten Arbeitsvertrag hat sie bereits im Februar unterschrieben. Ab Sommer ist sie für ein IT-Unternehmen in Passau tätig. „Wer in der Region bleiben möchte, findet hier auch eine Stelle“, betont sie. Professor Griebl ergänzt: „Gerade im Informatikbereich werden Mitarbeiter langfristig gebunden.“

Schulleiter Griebl, Lehrerin Schauer-Köckeis und die drei Schülerinnen möchten mit Vorurteilen aufräumen. Sie betonen, dass die IT-Branche auch – oder sogar besonders – geeignete Arbeitsstellen für Frauen biete. „Ich habe selbst vier Kinder“, sagt zum Beispiel die Lehrerin und verweist auf die guten Home-Office-Beschäftigungsmöglichkeiten im Vergleich zu Berufsfeldern, in denen eine stetige Anwesenheitspflicht herrscht.

Nur ein Stereotyp wird bei diesem Gespräch erfüllt: Hat Susanne Neumeier vor ihrer Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin den Einschaltknopf ihres Computers gedrückt, dann hat sie dies getan, um online zu shoppen. Da kommt ihr Lehrerin Heidi Schauer-Köckeis als Frau zur Hilfe und stellt klar: „Eine Frau kann online shoppen, ausgehen, sich schminken, 50 Paar Schuhe haben – und eine gute Informatikerin sein.“

 

GIRLS’ DAY

Der Girls’ Day findet am Donnerstag, 26. April, statt. Das Pendant dazu heißt Boys’ Day und wird am gleichen Tag begangen. Schüler und Schülerinnen sollen Branchen in Augenschein nehmen, die nach wie vor von einem Geschlecht dominiert werden. Wer Interesse an den EDV-Schulen in Plattling hat, kann sich unter 09931 95101 oder per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden.

 

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Nur die Nerd-Brillen von Annika Reicheneder (r.) und Eva Bergbauer (Mitte) deuten daraufhin, dass sie gerne vor Tastatur und Bildschirm sitzen. Die beiden und Susanne Neumeier (l.) absolvieren verschiedene Ausbildungen an den EDV-Schulen des Landkreises in Plattling. Über weitere Schüler – vor allem weibliche – würden sich Schulleiter Prof. Dr. Martin Griebl und Lehrerin Heidi Schauer-Köckeis freuen. Foto: Häusler