Einst, in grauer Computer-Vorzeit

Mit freundlicher Genehmigung der Deggendorfer Zeitung PNP

thumb alt landratDie PZ macht in der monatlichen Serie „Zurückgeblättert“ einen Zeitsprung ins Jahr 1994. Im Mai vor 25 Jahren besuchte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber die EDV-Schulen in Plattling. Die Technik ist mit der heutigen nicht vergleichbar, weiß Schulleiter Prof. Dr. Martin Griebl. Manche Visionen von einst sind aber auch heute noch nicht umgesetzt. (Sarah Woipich)

Plattling. „Vor 25 Jahren gab’s weder Digitalkameras noch DVDs“, sagt Prof. Dr. Martin Griebl, Direktor der EDV-Schulen Plattling und lacht. Von Streaming-Diensten oder Bitcoins ganz zu schweigen, möchte man hinzufügen. Doch die Schule gab es bereits in der Isarstadt und mit ihr eine Vision – dass die regionale Wirtschaft IT-Fachkräfte in der Zukunft brauchen würde. Vieles von dem, was damals zu den neuesten Errungenschaften zählte, ist jüngeren Generationen heute gänzlich unbekannt.

Ulrich Slotta, der erste Schulleiter der EDV-Schulen, führte im Jahr 1994 den damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber durch die Klassenzimmer und dieser zeigte sich von der Technik und der Ausstattung der Räume begeistert. Schon damals prophezeite Stoiber den 100 Schülern, dank ihrer „ fundierten und breitangelegten Ausbildung“, eine rosige Zukunft auf dem Arbeitsmarkt. „Mit der Gründung der EDV-Schulen im Jahr 1985 ist Landrat Dr. Georg Karl ein großes Wagnis eingegangen. Damals konnte ja noch keiner ahnen, was für eine Entwicklung die IT-Branche in den nächsten Jahrzehnten machen würde“, sagt Griebl 34 Jahre später. Karl habe mit seinem Glauben, dass man die EDV-Schüler in der Wirtschaft brauchen würde, Weitblick bewiesen.

Wenn sich der Schulleiter an die Zeit vor 25 Jahren zurückerinnert, kommt er sowohl ins Schmunzeln als auch ins Staunen. „Im Jahr 1994 gab es zum Beispiel die Floppy Disk, eine leicht biegsame schwarze Diskette – der Vorläufer des heutigen USB-Sticks, wenn man so will.“ Ein Jahr nach Stoibers Besuch kommt mit Windows 95 ein Betriebssystem mit vielen neuen Anwendungen auf den Markt und Microsoft entwickelte sich zum beliebtesten Software-Hersteller. „Die PCs haben sich damit erstmals in der Fläche Raum verschafft. Es war schon eine magische Zeit. Man glaubte, die IT könne zaubern.“

Die Prophezeiung Stoibers, dass „diese Wanderer zwischen zwei Welten auf der Sonnenseite des Arbeitsmarkts stehen“, bewahrheitet sich jedenfalls. „Wir haben heute einen akuten Fachkräftemangel. Es gibt nicht so viele Absolventen, wie die Wirtschaft sie brauchen würde“, erzählt Griebl. Entsprechend hoch sei die Nachfrage nach den qualifizierten Nachwuchsinformatikern.

Edmund Stoiber stellte bei seinem Besuch den hohen Stellenwert der beruflichen Ausbildung an den EDV-Schulen heraus. Aufgrund des schnellen, ja gerade zu rasanten Wandels der Branche muss bis heute der Unterricht immer wieder an die neuesten Entwicklungen angepasst werden. „Das verlangt vor allem ein hohes Eigenengagement von unseren Lehrern, die in engem Kontakt zur Wirtschaft stehen und sich selbst über Fortbildungen und Fachzeitschriften auf dem Laufenden halten“, erzählt Griebl. Es gebe kein Jahr, an dem sich nichts am Lehrplan ändere.

Eine Konkurrenz zu anderen EDV-Schulen, wie der in Passau, wie Ulrich Slotta sie vor 25 Jahren noch befürchtet hatte, gibt es heute nicht. „Es können alle leben“, so Griebl. Eine gewisse Konkurrenz zu den Universitäten lasse sich dagegen nicht von der Hand weisen. „Die Politik vor zehn Jahren hat die akademische Hochschulausbildung als Maßstab gesetzt. Inzwischen findet wieder ein Umdenken statt. Aber ich treffe immer wieder auf Schüler, die Angst haben, später auf dem Arbeitsmarkt von den Hochschulabsolventen abgehängt zu werden. Die Praxis aber zeigt, dass sie sich da keine Sorgen machen brauchen.“

Während manche Entwicklungen, wie die vielfältigen Automatisierungen, im Moment nicht mehr aufzuhalten zu sein scheinen, gibt es nach wie vor Bereiche mit Nachholbedarf. Stoiber sprach bei seinem Besuch von dem erklärten Ziel eines Gleichgewichts beim Netzwerkausbau zwischen Ballungsraum und flachem Land. „Vor allem dank des Einsatzes der Stadt Plattling hat die EDV-Schule inzwischen einen Glasfaseranschluss. Viele andere in der Peripherie sind davon aber noch weit entfernt“, zieht Griebl eine ernüchternde Bilanz.

Wenn sich der Schulleiter überlegt, wie sich die IT-Branche wohl in den nächsten 25 Jahren weiterentwickeln wird, sieht er nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren. „Ich denke, die IT wird überall eine Rolle spielen. Die ungeheuere Automatisierungsbegeisterung der Menschen wird nicht abreißen. Und die IT macht unser Leben einfach immer bequemer.“
Wenn es aber um Neuerungen wie beispielsweise das Sprachsteuerungssystem „Alexa“ von Amazon geht, wundert sich Griebl über die Naivität der Menschen. „Es gab staatliche Systeme, da wurden die Leute in den Wohnungen abgehört. Solange wir in einem Rechtsstaat leben, habe ich keine Angst. Aber die Missbrauchsgefahr ist da.“ Auf andere Fortschritte, wie das autonome Fahren, freut sich der Schulleiter jedoch schon heute. Gewisse Dinge werden sich aber wohl auch in Zukunft nicht ändern. „Ich als über 50-Jähriger tu mich schon schwerer als meine Kinder“, sagte Stoiber vor 25 Jahren. „Und das ist heute auch nicht anders“, weiß Griebl.

alt landrat

Nach seinem Besuch an den EDV-Schulen trug sich Edmund Stoiber 1994 ins Goldene Buch der Stadt ein. − Foto: Archiv

 

grieblvz

Über die rasanten Entwicklungen in der IT-Branche staunt Prof. Dr. Martin Griebl, Schulleiter der EDV-Schulen, oft. Die Absolventen seiner Schule sind damals wie heute sehr gefragt. − Foto: Woipic 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok