Plattling wieder Vorreiter in Sachen IT-Berufe

IHK ordnet Berufsabschlüsse im Bereich IT neu – Im Gespräch mit Prof. Dr. Martin Griebl

Mit freundlicher Genehmigung des Plattlinger Anzeigers (idowa)

thumb ihk berufe neu edv schulenPlattling. (pa) Die EDV-Schulen des Landkreises Deggendorf sind die ersten und bisher einzigen Schulen in ganz Bayern, die den Beruf Fachinformatiker(in) für Systemintegration in Vollzeit ausbilden. Dieses Berufsbild ist äußerst gesucht, weil gerade durch die fortschreitende Digitalisierung und durch gesetzliche Änderungen sowie durch ein zunehmendes Bewusstsein für Sicherheitsfragen immer mehr IT-Kompetenzen nötig sind. Allerdings wollen die EDV-Schulen diesen Beruf, der die klassischen Aufgaben der Systemadministration als Kernkompetenz hat, breiter aufstellen.

 

„Unser Ziel ist die Integration von der Hardware-Ansteuerung auf der technischen Seite bis hin zum ERP-System auf der betriebswirtschaftlichen Seite – ohne natürlich die traditionellen Aufgabenfelder der Systembetreuung zu vernachlässigen.“, so Prof. Dr. Martin Griebl, Leiter der EDV-Schulen des Landkreises Deggendorf.

Der Beruf Fachinformatiker(in) für Anwendungsentwicklung bleibt daneben unverändert bestehen. Allerdings muss der Beruf des Informatikkaufmanns bzw. der Informatikkauffrau im Gegenzug eingestellt werden. Dies ist allerdings keine Entscheidung der Schulen, sondern eine Entscheidung der IHK. Nach über 20 Jahren ordnet die IHK nämlich ihre Berufsabschlüsse im Bereich IT neu. Solche Anpassungen sind in einem sich so schnell wandelndem Bereich nötig, um Berufe zu haben, die den aktuellen Anforderungen der Wirtschaft entsprechen.

Wir haben zu diesem Thema mit dem Leiter der EDV-Schulen, Herrn Prof. Dr. Martin Griebl, über die Auswirkungen dieser Entscheidung gesprochen.

Herr Griebl, wie sehen Sie das Auslaufen der Ausbildung zu Informatikkaufleuten?

Griebl: „In meinen Augen ist diese Entscheidung der IHK nicht günstig. Denn Informatikkaufleute können programmieren und haben gleichzeitig tiefgreifendes Verständnis von den wirtschaftlichen Prozessen, für die sie programmieren. Das wirkt sich sehr positiv auf die Qualität der erstellten Programme aus. Anscheinend war die globale Nachfrage seitens der Wirtschaft nach Informatikkaufleuten und insbesondere die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze verhältnismäßig gering, weshalb die IHK zu dem Schluss gekommen ist, dass dieser Beruf eingestellt werden soll.“

Hat das Auswirkungen auf die EDV-Schulen in Plattling?

Griebl: „Ja, klar, denn einer der beiden Ausbildungsberufe an unserer Berufsfachschule war bisher der Informatikkaufmann bzw. die Informatikkauffrau. Den gibt es bei uns seit seiner Einführung vor über 20 Jahren, und jetzt können wir ihn leider nicht mehr anbieten. Aber wir sehen auch eine neue Chance in dieser Änderung. Sie gibt uns die Möglichkeit, eine neue Ausbildungsrichtung einzuführen, die von der Wirtschaft sehr stark nachgefragt wird und mit der schon mein Vorgänger immer geliebäugelt hat: Fachinformatiker/in für Systemintegration (FISI).“

Ist diese Ausbildungsrichtung neu?

Griebl: „In der verbreiteten dualen Ausbildung gibt es diesen Beruf schon so lange wie den Informatikkaufmann. Aber dass man diesen Beruf im Rahmen einer schulischen Berufsausbildung erlernen kann, ist neu. Wir in Plattling sind die ersten und einzigen in ganz Bayern, die so etwas aufbauen. Damit können wir auch Maßstäbe festsetzen, welche Ausbildungsinhalte genau enthalten sein müssen.“

Sind die nicht bereits festgelegt durch die duale Ausbildung?

Griebl: „Die IHK hat Mindestanforderungen definiert, die im Rahmen der IHK-Prüfung auch abgeprüft werden. Die müssen wir natürlich abdecken. Aber durch unsere Organisationsform bleibt mehr Zeit zur Kompetenzvermittlung. Das heißt, unsere Systemintegratoren sollen nicht nur das Tagesgeschäft eines Systembetreuers bzw. Administrators beherrschen, was die Pflicht ist, sondern sozusagen als Kür weit mehr abdecken – ähnlich wie die Wirtschaft das von unseren Anwendungsentwicklern gewohnt ist und mittlerweile erwartet.“

Welche zusätzlichen Bereiche wollen Sie konkret abdecken?

Griebl: „Wir fassen das Wort ‚Integration‘ im Namen des Berufsfeldes etwas weiter. Wir integrieren nicht nur Server, Arbeitsplätze, Drucker und mobile Endgeräte zu einem funktionierenden Gesamtsystem, sondern beziehen auf der technischen Seite etwa auch Hardwareansteuerung oder die Fertigung in einem Industriebetrieb mit ein – und auch die betriebswirtschaftliche Seite muss voll integriert werden. Wenn der Begriff Industrie 4.0 nicht manchmal überstrapaziert wäre, könnte man sagen, wir bilden einen FISI 4.0 aus, also einen der den ganzen Prozess eines Unternehmens digital begleitet. Das Ziel ist, dass er Programme entwickelt, die Sensoren auslesen, daraus Konsequenzen für den betrieblichen Ablauf ermitteln, etwa, dass ein bestimmtes Betriebsmittel nur noch für eine gewisse Zeit reicht, weshalb dann im ERP-System automatisch eine Nachbestellung angestoßen wird, wobei unter Zuhilfenahme von Datenbanken der günstigste Lieferant bestimmt wird. Umgekehrt kann auch ausgehend von Entscheidungen des ERP-Systems oder durch Anfragen von sonstigen Rechnern die Hardware angesteuert werden. Unsere FISI-Absolventen werden also genauso gut mit ABAP Daten in einem SAP-System verwalten können wie technische Vorgänge kontrollieren. Die Programmierung sowie Betriebssysteme, Netzwerke und Sicherheitsthemen bleiben dabei wichtige Schwerpunkte unserer Ausbildung.“

Das klingt nach einem Mammut-Programm!

Griebl: „Ja, durchaus. Aber die Schülerinnen und Schüler, die zu uns kommen, wissen, dass es viel zu lernen gibt, weil IT ein komplexes Thema ist – und die Wirtschaft in der Region schätzt genau die sich daraus ergebenden hohen Kompetenzen, die unsere Absolventen mitbringen. Wir bleiben damit nur unserer Linie treu – und dem Auftrag unseres Trägers, dem Landkreis Deggendorf, zum Wohl unserer ganzen Region.“

Beschreibung des FISI

Der Beruf Systemintegrator/in gehört zu den IT-Berufen, die aktuell und auch in Zukunft beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten. Die dreijährige Ausbildung wird mit einer Prüfung vor der IHK abgeschlossen.

ihk berufe neu edv schulen

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.